Picasso, Matisse, Degas, Renoir - 50 Skulpturen von 19 grossen Malern

2.8.2012

Die Wände sind leer. Nach den Gemälden von Picasso, Matisse, Degas und Renoir sucht man diesmal im Musée de l´Annonciade in Saint-Tropez vergeblich. Stattdessen sind ihre Skulpturen zu sehen: einige sind bekannt, andere überraschen wie die von Pierre Bonnard und Félix Vallotton.

Unter dem Titel „Von Daumier bis Giacometti. Die Skulptur der Maler“ stellt sich die Ausstellung die zentrale Frage: Welchen Blick hat der Maler auf die Skulptur? Bis zum 8. Oktober sind 50 Skulpturen von 19 großen Malern zu sehen.

Bis in das 19. Jahrhundert hinein gab es eine klare etablierte Ordnung, an die man sich hielt: „Ein Maler war kein Bildhauer. Das war ein ungeschriebenes Gesetz“, erklärt Jean-Paul Monery, der Direktor des Museums, das unmittelbar neben dem Hafen liegt. Der erste Künstler, der in Frankreich die Grenze zwischen Malerei und Bildhauerei überschritt, war Théodore Géricault. Ab 1814 führte ihn seine skulpturale Malerei zur Kunst in der dritten Dimension. Nicht zuletzt unter dem Einfluss seiner Italienreise in den Jahren 1816 bis 1817, auf der er Michelangelos bildhauerisches Werk näher entdeckte.

Monery zeigt keinen Dialog zwischen Malerei und Plastik so wie 2008 das Museum Frieder Burda. Er verzichtet auf eine Gegenüberstellung und präsentiert ausschließlich das bildhauerische Werk der Künstler in Stein, Keramik, Bronze oder Ton. Damit rückt er sein Thema radikal in den Mittelpunkt. Der Maler als Bildhauer.

Doch auch ohne Konfrontation mit dem malerischen uvre kann man bei vielen Skulpturen problemlos die Künstlerhand erahnen, die am Werk war, wie zum Beispiel bei Edgar Degas oder Pablo Picasso, bei denen der gegenseitige Einfluss der beiden Medien aufeinander besonders augenfällig ist.

Eine Entdeckung sind die bildhauerischen Werke der Nabis-Künstler Bonnard und Vallotton. Bonnard hat in seiner ganzen Schaffenszeit nur sechs Skulpturen entworfen, von denen in Saint-Tropez fünf vereint sein. Sie sind klein, ausdrucksstark und sinnlich und greifen eines seiner Lieblingsmotive in der Malerei auf, den weiblichen Akt. Das Ergebnis in die dritte Dimension übertragen beeindruckt. Frauen, die sich sanft in die runden Formen von Felsen schmiegen und eins werden mit dem Gestein.

Warum Bonnard sich mit diesen wenigen Entwürfen zufrieden gab, bleibt bis heute sein Geheimnis. Es waren seine einzigen bildhauerischen Versuche. „Das kann man eine bedauerliche Entscheidung nennen angesichts der überraschenden Plastizität“, so Monery.

Auch Vallotton realisierte nur wenige Skulpturen. Der Fachwelt sind nur vier bekannt. Drei von ihnen sind hier erstmals ausgestellt: Weibliche Akte, die stark an die runden und glatten Formen der Frauendarstellungen des französischen Bildhauers Aristide Maillol erinnern. Sie scheinen für den Schweizer eher Mittel zum Zweck als Ziel gewesen zu sein, denn die Bronzeskulptur „Femme retenant sa chemise“ (etwa: Frau, die ihre Bluse auszieht) übertrug Vallotton fast identisch auf Leinwand.

Matisse, Gauguin, Kirchner, Daumier: Maler, die ihre Erfahrungen und ihren besonderen Blick auf die Bildhauerei übertrugen. Sie haben ein plastisches Werk geschaffen, das in der allgemeinen Wahrnehmung noch heute nicht den Stellenwert hat, der ihm gebührt. Allein deshalb ist die Ausstellung einen Abstecher nach Saint-Tropez wert.

Quelle: Focus online, 31.7.2012, 13.06